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Im Test: Eclipse Phase (Posthuman Studios)

Ein Rollenspiel über transhumane Verschwörung und Horror: Beim Stöbern nach Rollenspiel-Regelwerken ist Teo zufällig über das Cover von Eclipse Phase gestolpert – und war sofort verzaubert! Doch was bitte, könnte ein neues Science Fiction-Setting besser machen, als schon etablierte Sci-Fi Rollenspiele? Die Antwort ist: ALLES!

Alter 16+ | Sprache: Englisch | Verlag: Posthuman Studios LLC

Der Hintergrund

In einer nicht genauer bestimmten Zukunft hat die Menschheit das Bewusstsein entschlüsselt und digitalisierbar gemacht. Zusammen mit den enormen Fortschritten in synthetischer und Bio-Technologie ist Unsterblichkeit nun kein Traum mehr.

Ob synthetische, halb-synthetische oder biologische Körper („Morphs“ genannt), die „Resleeving“-Technologie kann das „Ich“ („Ego“) digitalisieren, speichern, kopieren und wieder in einen neuen Körper downloaden. Dank der Entwicklung der Nanotechnologie sind auch das Recycling von Ressourcen auf atomarer Ebene und deren Zusammensetzung zu einem vollständigen Produkt kein Problem mehr.

„Füllhorn“-Maschinen („Cornucopia“) brauchen nur die Baupläne und Ressourcen und können theoretisch alles bauen. Zu guter Letzt lassen sich durch die Fortschritte in den Kognitionswissenschaften sowohl Tiere aus ihrem primitiven Status befreien („Uplifts“), als auch Künstliche Intelligenz entwickeln und ausbauen. Nun wird das Sonnensystem im Namen von Staaten und Hypercorps immer weiter besiedelt.

Sieht so also das euphorische Utopia einer auf der nächsten Evolutionsstufe stehenden Gesellschaft aus? Leider nein, denn selbstverständlich jagen die Alpträume der Vergangenheit auch dieser Generation Angst ein. Die Erde ist dank andauernder globaler Erwärmung ein Katastrophenherd. Schwindende Ressourcen treiben die Spannung zwischen den Staaten hoch. Die Schere zwischen Arm und Reich ist so groß wie nie.

Das paranoide Militär spielt Gott mit der Schaffung von selbstlernender, uneingeschränkter Hyperintelligenz („Seed-AI“). Einige auf den Namen TITAN getaufte Entitäten sprengen ihre Ketten und beginnen mit der Auslöschung der Menschheit. Dies ist dank eines intelligenten Xeno-Virus („Exsurgent Virus“) möglich, der sich selbst in digitaler, biologischer und Nano-Form reproduzieren kann.

Erinnert an Krieg der Welten: Die TITANs vernichten die Erde.

Zehn Jahre später ist die Erde ein evakuierter, verseuchter Schutthaufen und die allmächtigen Maschinen sind urplötzlich durch die im Sonnensystem entdeckten „Pandora Gates“ verschwunden. Verschiedenste Fraktionen intrigieren gegeneinander im Glauben, den einzigen Weg für das Überleben der Transhumanität zu kennen. Im Verborgenen kämpfen die Agenten von „Firewall“ gegen die totale Auslöschung durch TITANs, Exsurgents oder größenwahnsinnige Machthaber.

Wer einen kurzen aber intensiven atmosphärischen Einblick in die Welt von Eclipse Phase haben möchte, sollte „Lack“ lesen: Eine meisterhafte Kurzgeschichte aus dem Grundregelwerk von Rob Boyle und Davidson Coyle. Sie ist kostenlos als PDF (hier klicken!) erhältlich.

Was ist ein X-Risk? Z.B. Nanoschwärme, die einen Mond zersetzen, um ein Wurmloch zu bauen.

Klingt irgendwie nach Terminator, oder? Stimmt: Danach und nach so ziemlich jedem anderen guten Science Fiction-Werk unserer Zeit. Eclipse Phase fährt nämlich nicht nur eingleisig! Während die Grundidee an die „Takeshi Kovac“-Romane und Ghost in the Shell erinnert, bedient sich das Spiel auch eloquent bei Star Gate, Star Trek, Krieg der Welten, Romanen von Asimov und H. P. Lovecraft uvm. Nur eins ist sicher: Fast jedes Science Fiction-Setting ist in Eclipse Phase denkbar. Westworld, Alien oder Elysium? Kein Problem! Am ehesten lässt sich Eclipse Phase noch mit Transhuman Space vergleichen – nur mit Kataklysmus und viel Dystopia!

Zwar ist das Spiel im Kern ein „Hard-Science Fiction“-System. Es bedient sich also überwiegend an tatsächlich möglichen Technologien, weicht aber mit gewissen Konzepten sehr ins Fantastische ab. Einige Beispiele: Reisen im tonfreien Weltraum dauert immernoch Wochen bis Monate. Viele Weltraumhabitate verfügen bestenfalls über Mikrogravitation. Laserwaffen sind reine „Strahlen“-Waffen usw.

Pandora Gates: Wurmlöcher in andere Welten. Das endet nicht immer gut.

Dennoch ist die Digitalisierung des Geistes ein schwer vorstellbares Konzept, ebenso wie die paranormalen Fähigkeiten der Psioniker. Pandora Gates öffnen Wurmlöcher auf fremde Planeten, und die TITANs brechen die meisten Gesetze der bekannten Physik.

Das Spiel

Vereinfacht erklärt, verfügt Eclipse Phase über drei große Spielbereiche: Kampf, Hacking und „Social Engineering“. Letzteres verwendet ein interessantes Gefallen-System, das die enorme Nutzung von sozialen Netzwerken wiederspiegelt. Meistens spielt man eine Gruppe von „Firewall“-Agenten – Mitglieder einer geheimen Organisation, die sich dem Kampf gegen „X-Risks“, also existentiellen Bedrohungen, verschrieben hat.

Mensch und Maschine im Kampf vereint: Firewall im Einsatz für die Transhumanität.

Da man dank „Back-up“ immer wiedererweckt werden kann, und es sich nicht selten um Psyche-brechende Selbstmordmissionen handelt, ist man manchmal ganz froh, wenn man sich nicht mehr an die Geschehnisse erinnern kann. Dafür verzichtet man auf die Erfahrungspunkte. Zwar muss man dann auch irgendwie mit dem „Lack“, also der fehlenden Lebenszeit klarkommen, aber zumindest kann man verschiedene „Morphs“ ausprobieren und seine Reputation steigern – und vielleicht das Universum etwas sicherer machen.

Mit Diplomatie, Spionage und Sabotage muss man sich zwischen die Fronten der Hypercorps, kriminellen Fraktionen, und den einzigen bekannten Aliens (die „Factors“) werfen. Nebenbei gilt es, die Rückkehr der TITANs zu verhindern, Ruinen lange vergangener Alien-Zivilisationen zu erforschen, den „Exsurgent Virus“ zu bekämpfen und insgesamt die Entwicklung der Transhumanität mitzubestimmen.

Bei all dem Horror einer postapokalyptischen Gesellschaft mit ihen „uplifted“, exhumanen oder künstlichen Existenzen den Verstand zu behalten, ist ein Kunststück. Deshalb ist auch die geistige Stabilität ein wichtiger Attributswert.

V.L.n.R.: Neo-Hominid Forscher / Marsianischer Ranger mit Polizei-Affe / Hypercorp Elite-Spion (Ghost)

Die Regeln

Apropos Attribute: Diese sind wie üblich in körperlich und geistig eingeteilt, nutzen aber „wissenschaftliche“ Bezeichnungen. Nicht gerade einfach für Nicht-Muttersprachler. Dafür wählt man bei der Charaktererschaffung aus „Hintergrund“ und „Fraktion“ das passende Charaktermodell aus, bevor man die Skill-Punkte verteilt. Ebenso verfährt man mit Reputation (REP), Glück (Moxie), Psi-Kräften (falls nötig) und Credits.

Erst dann wird der Morph ausgewählt und mit Vor- und Nachteilen abgerundet. Doch der Morph ist etwas, was sich durchaus regelmäßig verändert. Diesen gibt es in synthetisch, halb-synthetisch (Pod), biologisch oder komplett digital. Es gibt so viele Modelle wie es unterschiedliche Aufgabenfelder und Umgebungen gibt, angepasst an die jeweiligen Aufgaben. Unzählige Exoten wie Riesenkrabben, Schwarmroboter oder „Engel“ bereichern das Angebot und strapazieren sowohl Psyche als auch moralisches Empfinden.

Octopus gefällig? Mit den Upliftet Octopi ist nicht zu spaßen! Auch spielbar.

Das Würfelsystem basiert auf W100, also zwei 10-seitige Würfel, die zusammen Zehner- und Einer-Stelle des Wurfs ergeben. Diese müssen den Skill-Level möglichst exakt treffen oder unterschreiten. Schwierigkeiten ändern den Skill-Level normalerweise zwischen +/-10 und +/-30. Kampf und Hacking laufen nach bekannten Maßstäben ab und äußern sich meist in Würfen gegeneinander.

Das Gefallen-System orientiert sich an der Größe des Gefallens und dem REP-Skill des Charakters im jeweiligen sozialen Netzwerk. Es gibt etwa 49 Skills, von denen viele mehrfach vorhanden sind (Bsp.: Wissen in mehreren Bereichen, Networking für verschiedene Fraktionen, Interessen etc.) und bis zu einem Maximalwert von 100 erhöht werden können. Ein relativ schlankes und einfaches Spielsystem, das an Dungeons & Dragons erinnert.

Quellmaterial und Artwork

Neben dem Grundregelwerk gibt es noch etwa acht weitere Quellbücher, die die Fraktionen, das Sonnensystem, Exo-Solare Systeme, Firewall und die Quarantäne-Zonen behandeln. Zudem stellt Posthuman Studios auch Karten, Spielhilfen und vor allem Missionen zur Verfügung, die man teils kostenlos herunterladen kann. Großes Lob für die Zugänglichkeit!

Zudem gibt es ein Forum (Link), in dem sich Fans austauschen und Material herunterladen können. Schade, dass bisher alles nur auf Englisch verfügbar ist. Im Gegensatz zu anderen Regelwerken, werden zumindest das metrische System und wissenschaftlich anerkannte Größen verwendet. Der Sprachduktus ist allerdings nichts für Englisch-Anfänger. Da lernen selbst geübte Linguisten noch was.

Der Exsurgent Virus: Lovecraftscher Wahnsinn wird dank Nano-Schwärmen lebendig.

Die Artworks sind (wie man auch in diesem Artikel sehen kann) überwiegend wunderschön und verliert sich nur selten in comicartigen Zeichnungen. Dies hilft, sich eine doch recht exotische Welt viel besser vorzustellen. Insbesondere die Darstellungen von Habitaten und Morphs regen die Fantasie an.

Fazit

Die wissenschaftlichen Attributsbezeichnungen in einem ausschließlich auf Englisch verfügbaren Regelwerk helfen nicht unbedingt beim Auswendiglernen. Dass man unendlich viele eigene und freie Skills dazu bekommen kann, macht es auch nicht einfacher, den Überblick zu bewahren. Das größte Manko überhaupt: amerikanische Seitengrößen! So darf man beim Drucken erstmal mühsam das Material zurecht schneiden.

Trotzdem zieht Eclipse Phase die Spieler mit schönem Artwork und packenden Fiktionen in seine Welt. Es gibt sehr viel gut geschriebenes und auch Con-taugliches Spiel- und Regelmaterial und eine aktive Community, die sogar einige Apps sowie weit gefächerte Spielmöglichkeiten zur Verfügung stellt.

Wer keine Lust auf Horror hat, kann sich auf Transhumanismus konzentrieren, existentielle Fragen ergründen oder das fremdartige Leben einer hochentwickelten Gesellschaft erleben. Was für mich Eclipse Phase zur absoluten Nummer 1 unter den Sci-Fi-Rollenspielen macht, ist seine Detailliebe zum Hard-Sci-Fi, in dem Aliens noch wirklich fremdartig und nicht nur exotische Humanoide sind. Das kriegen Transhumanisten auch ganz gut selbst hin!

Die Lost Generation: künstlich entwickelte Klone mit Psi-Kräften. Das Projekt ging mächtig schief.

Auf Amazon findet ihr einige Eclipse Phase-Publikationen. Wie wäre es für den Anfang mit der Kurzgeschichtensammlung „After the Fall“ von Jaym Gates (Klicke auf den Affiliate-Link!)?

Anmerkung d. Red.: Inzwischen kann man auf Kickstarter die „Second Edition“ von Eclipse Phase unterstützen. Hier gibt es mehr Infos!

Alle Illustrationen sind Eigentum von Posthuman Studios LLC.

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