14
Mrz

Im Test: Cthulhu Tech (Wildfire)

Futuristische Endzeitstimmung: Lovecraft-Magie trifft auf Anime-Mecha? Cthulhu Tech spult mehrere Jahrzehnte in Lovecraft’s Universum vor, in das Jahr 2085. Ob das Pen & Paper-Rollenspiel von Wildfire LLC etwas taugt? Hier ein Überblick über das lovecraftsche Sci-Fi-Horrorsetting.

Alter: 18+ | Sprache: Englisch | Verlag: Wildfire LLC

Teresa Ashcroft ist die Mutter der modernen Arkanotechnologie – einer Magie-Wissenschaft, die auf den nicht-euklidischen Prinzipien einer mehrdimensionalen Mathematik basiert. Die Arkanotechnologie wird nun salonfähig und bringt die D-Engine hervor: eine saubere, unerschöpfliche Energiequelle, die sich aus einer fremden Dimension speist. Sie revolutioniert nicht nur die Gesellschaft, sondern insbesondere das Militär, welches nun im Stande ist, humanoide Panzer, sogenannte Mechas, zu entwickeln.

Doch der Aufstieg bleibt nicht unbemerkt. Die Alienrasse der Mi-go (amerikanische Schreibweise: Migou) fühlt sich bedroht und schickt genetisch konstruierte Superkrieger, die Nazzadi, zur Unterwerfung der Menschen.

Der Plan schlägt fehl, als die Nazzadi ihren Ursprung als Sklavenrasse wahrnehmen und sich mit den Menschen verbünden. Nun kreist ein mondgroßes Schwarmschiff im Orbit der Erde und die Migou nehmen die Invasion selbst in die – äh – Extremitäten.

Doch als ob das nicht genug wäre, erheben sich die bisher verborgenen Kulte vergessener Götter aus den Schatten, um die Menschheit zu unterwerfen. Der Kult des Dagon beherrscht die Ozeane. Der Rapine Storm frisst sich durch Asien im Namen des erwachten Totengottes Hastur. Die Kinder des Chaos korrumpieren die Gesellschaft im Namen Nyarlathoteps von innen heraus.

Die einzigen Vorteile der Menschheit sind die Arkanotechnologie und ihr erbitterter Überlebenswille. Im Jahre 2085 steht die menschliche Rasse vor der Auslöschung. Doch noch ist der Krieg der Äonen nicht verloren!

Die Eldritch Society hat im Geheimen die werwolfartigen „Tager“ erschaffen, indem sie Mensch und Monster verschmolzen haben.

Die Welt

Anders als in Call of Cthulhu ist die Gefahr nicht mehr nur bevorstehend. Sie ist hier und zerstückelt Körper und Seele. Die Menschheit befindet sich in einem verzweifelten Verteidigungskrieg an mehreren Fronten, und nur diese Trinität der Fraktionen (Menschheit – Kulte – Aliens) sowie deren Feindschaft zueinander konnten die Auslöschung bisher aufhalten.

Nun heißt es: Jeder gegen jeden. Nur einer kann überleben. Die Menschheit ist unter der Neuen Erd-Regierung (NER) vereint und wird durch anhaltende Propaganda beruhigt. Ein Kriegsenthusiasmus wie zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges hält die Moral hoch, welche die Korruption in den Schatten übertünchen soll.

Schwarze Magie, Psioniker und Mischwesen nagen an der Gesellschaft. Die Migou kennen nur ein Ziel: Die Unterwerfung der Menschheit. Doch auch sie haben nicht mit der Macht der Kulte und der Erweckung der alten Götter gerechnet. So gibt es zwei Schlachtfelder: Die Frontlinien der NER und den magischen Untergrund mit seinen Monstern.

Die Migou haben die Technologie der Menschen kopiert und führen ihre eigenen Mecha ins Feld.

Konträr zu vielen anderen Sci-Fi-Fantasy­-Spielen sind Magie und Arkanotechnologie keine Feuershow-Tricks, sondern basieren auf stunden- bis tagelangen Ritualen. Diese Beschwörungen haben nichts mit Instant-Zauberei zu tun, sondern verbiegen die Gesetze des Kosmos.

Der Überwachungsapparat der Erd-Regierung reguliert gnadenlos. Es gibt legales und illegales Wissen, und der Handel mit Letzterem ist nur im Untergrund möglich. Erwischt zu werden ist gleichbedeutend mit Lobotomie oder Exekution.

Das Spiel

Cthulhu Tech lässt sich grob gesagt in zwei Bereiche einteilen:

  • Die actiongeladene, futuristische Kriegsführung mit Mecha, Engel-Superwaffen und Soldaten sorgt für dramatische Würfelorgien und taktisches Planen. Liebhaber des japanischen Mecha-Anime, welches als Inspiration für diesen Bereich diente, kommen voll und ganz auf ihre Kosten. Fliegende Panzer und gigantischen Superwaffen garantieren aufregenden Nervenkitzel, vor allem in Kombination mit einem flotten Kampfsystem und monströsen, gnadenlosen Gegnern.
    Über 50 verschiedene Mechas lassen sich in den Quellbüchern finden. Endete das Detektivspiel in den 1930er Jahren noch im Wahnsinn des Spielers, kann man hier zumindest hordenweise Monster aufreiben, bevor man selbst gefressen wird.

Mecha gibt es in verschiedenen Größen für jede Kampfsituation. Die Gegner sind nicht weniger furchteinflößend.

  • Dem gegenüber steht das lovecraftsche Erbe: der Schattenkrieg. Dieser teilt sich in zwei weitere Bereiche. Einerseits versucht man als Agent oder Magier höllische Beschwörungen zu verhindern oder Schläfer der Kulte und Migou zu enttarnen. Andererseits kämpfen die werwolfartigen Mischwesen der Eldritch Society gegen die dämonischen Symbionten der Chrysalis Corporation.

Das „Täglich Brot“ von Agenten: Sonderkommandos unterbrechen eine illegale Beschwörung.

 

Jeder Krieg hat seine Schachfiguren: Mecha decken vorrückenden Soldaten den Rücken.

Die Regeln

Cthulhu Tech nutzt als Regelbasis das selbst erstellte „Framewerk“: ein schlankes, cineastisches Regelsystem.

Spieler können bei diesem W10-System entweder die höchste Zahl, alle gleichen Würfelergebnisse oder eine „Straße“ (wie beim Poker) als Ergebnis wählen. Dieses wird zur Attribut-Basis hinzugerechnet und ergibt den zu vergleichenden Ergebniswert.

Drama Points symbolisieren das Glück der Helden und können schwerwiegende Fehler wieder ausgleichen oder unmögliche Aufgaben erleichtern. Sie heben den Charakter als Helden von der Norm ab. Wie in jedem guten Horrorspiel gibt es auch hier Werte für Angst und geistige Stabilität.

Die Charakter-Erstellung unterscheidet sich kaum von anderen Rollenspielen und ist mit Rasse, Profession, Fähigkeiten, Attributen sowie Vor- und Nachteilen schnell erklärt. Vergleichen lässt sich das System mit Legend of the Five Rings oder World of Darkness.

Quellmaterial und Artwork

Leider gibt es das Pen & Paper-Rollenspiel bisher nur auf Englisch. Dafür stellen die Macher bereits neun Quellbücher mit umfangreichen Informationen und Spielideen sowie einem Metaplot zur Verfügung.

Wer das eindrucksvolle Artwork gesehen hat, braucht sich nicht über die FSK 18-Warnung zu wundern: detailverliebt werden grausame Szenen gleichermaßen in Bild und Text erzählt. Verbrechen an der Menschheit und Menschlichkeit in einer von kosmischen Kräften vergewaltigten Welt sind nichts für schwache Nerven. Cthulhu Tech zeigt den Schrecken in all seinen Formen und Farben, dass sogar Lovecraft selbst schlecht geworden wäre.

Die pervertierte Gesellschaft der Kulte in den Ruinen der Menschheit: Was kostet die Weltherrschaft?

Pro und Contra

Ganz klar: sowas Exotisches hat man noch nicht gesehen! Die Welt von H. P. Lovecraft in der Zukunft ist noch erschreckender als die Geschichten in den 30ern. Magie und Technologie werden wie in Shadowrun wunderbar miteinander verwebt. Das System ist schnell und ermöglicht einen guten Spielfluss. Das Artwork ist fantastisch, und die Bücher sind sinnvoll konzipiert.

Doch wer nicht zufällig Tentakel anstelle eines Mundes hat, wird nicht nur Schwierigkeiten mit den Namen aller Kreaturen haben: auch die Neuschöpfungen sind nicht gerade leicht auswendig zu merken. Zudem sind die Regelwerke nicht nur englisch – sie sind direkt amerikanisch! Das bedeutet z. B. auch, von Fuß in Meter umzurechnen.

Fazit

Wer die Angst und Paranoia des lovecraftschen Universums liebt, kommt bei diesem Mecha-Horror-Mash-Up voll auf seine Kosten. Denn auch wenn die Menschheit auf dem Rückzug ist, so ist sie diesmal weder ahnungs- noch wehrlos! Die Möglichkeiten, sich auf epischem Niveau mit den kosmischen Kräften zu messen oder in die dreckigen Abgründe der Magie abzutauchen und dabei sinnvoll den Verstand zu opfern, heben dieses Spiel ganz klar vom klassischen Call of Cthulhu ab. Die Sterne mögen ungünstig für die Menschheit stehen – die Würfel werden es richten müssen!

Alle Illustrationen sind Eigentum von Wildfire LLC.

Schlagwörter: , , ,

There are no comments yet

Why not be the first

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.