24
Jan

Willkommen in Westworld!

Lebe ohne Grenzen! Erforsche, wer du wirklich bist und lass all deine Träume und Wünsche wahr werden! Denn dieser Ort existiert nur für dich, und seine Bewohner wurden geschaffen, um dir zu dienen – tot oder lebendig.

Die Dampflokomotive ruckelt über die grob geschotterten Schienen, die sich durch den Canyon schlängeln. Dein Blick schweift über weite Ebenen und majestätische Berge hinter dem Fensterglas. Die blinden U-Bahn-Schächte, durch die du dich normalerweise raum- und zeitlos windest, hast du zusammen mit deinem grauen Alltag hinter dir gelassen. Du bist ihm entkommen, um etwas Verlorenes wiederzufinden: Freiheit… Bedeutung… Dich selbst.

Ein lautes Pfeifen aus dem Führerhaus reißt dich aus deinem Tagtraum und erinnert dich daran, dass deine Reise nicht bloß eingebildet, sondern sehr real ist. Nach einem kurzen Blick in das spiegelnde Fenster rückst du deinen Hut zurecht und atmest tief durch. Dann berühren deine Lederstiefel bereits den sandigen Boden von Sweetwater. Du bist angekommen.

 

In der Siedlung Sweetwater beginnt für Neuankömmlinge ihr großes Wildwest-Abenteuer.

 

Die Regeln des Parks

Du hast schon viel über diesen Ort gehört, aber jetzt, da du die Westworld selbst betreten hast, kommt sie dir nicht im geringsten wie ein künstlich geschaffener Vergnügungspark vor. Alles fühlt sich so echt an. Und sie – die Hosts – sehen aus wie ganz normale, atmende und lebende Menschen. Das sollen Cyborgs sein? Tote Maschinen, die nur existieren, damit du deinen Spaß mit ihnen haben kannst? Ja, das haben sie gesagt. Besucher dürfen alles tun und können dabei nicht verletzt werden.

Also schnapp’ dir deinen Colt und schwing’ dich auf dein Pferd, um in dein ganz persönliches Abenteuer zu reiten. Oder willst du es erst einmal langsam angehen lassen und dir einen selbstgebrannten Whiskey im Saloon gönnen? Zusammen mit einem der leichten Mädchen, die an der Bar auf dich warten? Aber Moment mal… Warum zur Hölle schaut dich der Kerl dort am Spieltisch so schief an? Vielleicht solltest du ihm einfach eine Kugel verpassen und allen zeigen, wer der neue Sheriff in der Stadt ist! Alles ist erlaubt. Und diese Hosts spüren ja nichts. Oder doch?

 

Der Mann in Schwarz (links) besucht den Park seit vielen Jahren – und weiß, dass Host Teddy ihm nichts anhaben kann.

 

So spielen die Götter

Im Kern der TV-Serie „Westworld“ geht es um das Menschsein. Was macht uns zu Menschen? Unser Bewusstsein? Unsere Sterblichkeit? Und wie verhalten wir uns, wenn wir weder an Gesetze noch an Moral gebunden und somit vollkommen frei sind? Der Großteil der Parkbesucher empfindet keinerlei Empathie für die Hosts, obwohl diese sich täuschend menschlich verhalten und starke Emotionen zeigen. Vergewaltigung und sinnloses Morden sind dennoch – oder gerade deswegen? – an der Tagsesordnung.

Der Serienzuschauer nimmt dabei eine merkwürdige Position ein: Er erhält tiefe Einblicke in das „Leben“ der Hosts, die scheinbar allzu menschliche Wünsche, Sehnsüchte und Beziehungen haben. Doch im nächsten Moment übernimmt ein beliebiger Besucher die Kontrolle über eine dieser „ leb- und willenlosen Maschinen“, um seine tierischsten Triebe zu befriedigen.

 

Hosts in Love: Teddy und Dolores gehören zusammen – aber nur, solange kein Besucher andere Pläne mit ihnen hat.

 

Mit wem identifiziert man sich da? Mit den allmächtigen Besuchern, die sich überwiegend wie grausame Monster mit Gottkomplex aufführen? Oder mit den ohnmächtigen Hosts, die dazu verdammt sind, tagtäglich nur ausgebeutet zu werden? So genial ich die philosophische Ebene von „Westworld“ auch finde, kann ich euch dennoch beruhigen: Bei all der Tiefe, Komplexität und Gesellschaftskritik kommt das Wildwest-Flair nicht zu kurz. Cowboys auf Pferden, traumhafte Landschaften und vor allem kiloweise Schießpulver gibt es also für jeden genug!

 

Dr. Robert Ford (Sir Anthony Hopkins): Vater aller Hosts und Erschaffer-Gott der Westworld.

 

Vor allem für die Gamer unter euch könnte „Westworld“ auch aufgrund seiner vielen Parallelen zu Videospielen interessant sein. Mit ihren vorprogrammierten Charakterzügen und Dialogen ähneln die Hosts sehr stark den Nichtspielercharakteren (NPCs) in Games. Die verschiedenen Handlungsoptionen erinnern hingegen an Quests und Level. Außerdem sind alle Hosts in ihren eigenen Zeitschleifen gefangen, die sie jeden Tag wiederholen. Wenn sie sterben, kehren sie ins Labor zurück, wo ihr Körper repariert und ihr Erinnerungen gelöscht werden. Nach dem Gameover geht es also immer wieder von vorne los.

 

Im Gott-Modus: Die Leiter des Parks überwachen alle Aktivitäten und steuern die Hosts bei Bedarf.

 

Erste Staffel trifft ins Schwarze

J. J. Abrams („Lost“, „Fringe“, „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ etc.) produzierte die zehn Folgen der ersten Staffel von „Westworld“. Da es sich bei dem SciFi-Western-Drama zudem um eine HBO-Original-Serie handelt, schossen meine Erwartungen noch weiter in die Höhe. Denn damit stellt sich natürlich gleich die Frage: Wird „Westworld“ das neue „Game of Thrones“? Wahrscheinlich ist es nach nur einer Staffel (vs. sechs Staffeln „GoT“) noch ein bisschen zu früh für einen Vergleich. Aber andererseits… Los geht’s ;)!

Die zehn Folgen der ersten Staffel ließen mich ebenso tief in die atmosphärische Erzählwelt eintauchen, wie das auch bei „Game of Thrones“ der Fall war und ist. In Sachen Optik, Soundtrack, Storytelling und Cast steht „Westworld“ den anderen HBO-Originals ebenfalls in nichts nach. Vor allem die vielschichten Charaktere, komplexen Handlungsstränge und teilweise hochphilosophischen Dialoge und Themen zwangen mich geradezu zum Weiterschauen.

Mit dieser hohen Meinung stehe ich alles andere als allein da. Denn laut Forbes* erzielte „Westworld“ mit seiner ersten Staffel bessere Quoten als jede bisherige HBO Original-Serie. Durchschnittlich 12 Mio. Zuschauer tauchten wöchentlich in den Wilden Westen ein. Beim Staffelfinale, das in den USA am 4. Dezember ausgestrahlt wurde, fieberten insgesamt ca. 3,6 Mio. Fans mit – über eine halbe Million mehr als seinerzeit bei „Game of Thrones“.

Am 2. Februar startet „Westworld“ in deutscher Sprache auf Sky. Mal schauen, ob die Serie dann weitere Rekorde knackt. Bis zum Start von Staffel 2 müssen wir uns aber laut HBO-Präsident Casey Bloys wohl leider noch über ein Jahr gedulden…

 

Dolores träumt schon von Staffel 2 – und ich mit ihr!

* Quelle: Forbes – ‘Westworld’ Season Finale Ratings Hit Series High

Bei allen Bildern handelt es sich um Screenshots der Original-Serie. Copyright HBO.

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